Fiktiver Schriftverkehr mit Balthasar Gracian

  

„In allem geht stets die Lüge voran, die Dummköpfe hinter sich ziehend am Seil ihrer unheilbaren Gemeinheit; die Wahrheit aber kommt zuletzt, langsam heranhinkend am Arm der Zeit“:

 

Balthasar Gracian

 

                         

Lieber Balthasar Gracian,  

 

danke für deinen Eintrag. Ich habe dein „Handorakel und Kunst zur Lebensklugheit“ aus dem Jahre 1647  mit Erstaunen gelesen und dein Buch hat mich sehr berührt. Du hast ja laut Überlieferung  zwischen 1601 und 1658 gelebt. Man hat aber den Eindruck, als  wäre dein Buch erst jetzt geschrieben worden.  

 

Nun zu deinem Eintrag über Lüge und Wahrheit aus deinem Handorakel: Ich habe das Glück in einer Zeit und in einem Land zu leben, wo sich  Lüge  und Wahrheit meiner Meinung nicht so extrem

gegenüberstehen (es gibt aber noch genug Länder, wo deine Aussagen auch jetzt noch beängstigend genau zutreffen).  Über die Dummköpfe in der jetzigen Zeit mochte ich mich nicht äußern. 

 

In meiner Zeit und in meinem Kulturkreis haben wir speziell über vielfältige und so gut wie immer präsente Medien die Möglichkeit, zumindest Halbwahrheiten zu erfahren. Die  halbe Wahrheit ist aber oft verlogener als die Lüge, da mit der halben Wahrheit  Ängste und Emotionen geschürt werden, die ganze Völker manipulieren, ohne wirklich zu lügen. Andere Halbwahrheiten wiederum prasseln tagtäglich ebenfalls auf uns ein.  Du kannst dir vorstellen, welches Chaos sich daraus in der Gesellschaft ergibt.

 

Nun denn lieber Balthasar, die jetzige  Zeit ist eine Zeit des Umbruches. Mal sehen, was  wir heutige Menschen als so genannte Demokraten daraus machen.  

 

Liebe Grüße, 

dein Alois Seethaler 

 

© Alois Seethale

 

 


Gewidmet jenen

 

Die auszogen, um sich selbst zu finden und dabei Gott nicht verloren haben,

 

die mit der Gesellschaft leben und dabei ihre Persönlichkeit nicht sterben ließen,


die Wissen gesammelt und dabei das Denken nicht verloren haben, 


die an die Wahrheit glauben und sich dabei nicht täuschen lassen,


die gut sein wollen und dabei nicht verbittert werden,


die den Frieden verteidigen, ohne dabei Gewalt anzuwenden,


die Mensch sein wollen und sich dabei nicht wie Tiere verhalten,


die Achtung zeigen, ohne sich dabei zu verleugnen,


die in Würde leben, ohne dabei zu verzweifeln.

                                 

  © Alois Seethaler





 

 

Sie sind

 

Sie sind wie Wölfe, die den Schafspelz schon so lange tragen, dass er ihnen mittlerweile angewachsen ist. 

 

Sie sind moderne Menschen. Sie  verurteilen die Verbrechen der Vergangenheit auf das Schärfste und ignorieren zugleich die Grausamkeit der Gegenwart. 

 

Sie sind die wahren Richter unserer Zeit. Ihr Gerichtssaal ist das Wohnzimmer. Zur Verhandlung ist nur der Fernseher geladen. Ihr Talar ist die Freizeitkleidung, in der sie lüstern und mit einem gewissen Schaudern an der Brutalität der Welt teilnehmen.

 

Ihre Urteile treffen sie – human wie sie meinen – ohne zu zögern. Sie sind noch nie in Situationen gekommen, über die sie urteilen, eine Hinterfragung finden sie nicht so wichtig. Sie sind das Gewissen unserer Zeit. Sie entscheiden über gut und böse. Sie entscheiden über richtig oder falsch. Sie entscheiden dadurch über die Entwicklung der Gesellschaft. 

 

Aus ihnen ist vor lauter Angepasstheit alles Leben gewichen. Sie wandeln als Wohlstandszombies umher und oft versuchen sie ihre abgestorbene Individualität  mit Statussymbolen auszugleichen.  

und –

sie hassen jene, die ihnen in die Seele blicken. 

 

© Alois Seethaler